Archiv der Kategorie: Willy Brandt

Geheime Burnouts

 
  • Menschen – Psychologie – Wissenschaft

 

Pathografie: So nennt sich ein neuer Zweig der Geschichtsforschung, der sich mit den Krankenakten berühmter Herrscher, Heerführer und Künstler befasst. Und immer wieder stoßen die Wissenschaftler dabei auf eine Diagnose: Burnout

 

  • Willy Brandt / Diagnose: Traumatisierung

 

 

  • Wie hart im Nehmen muss ein Politiker sein?

 

Wer sein Vater ist, weiß er nicht. Er sieht seine Mutter nur selten. Als er 1913 in Lübeck geboren wird, gehört er der sozialen Unterschicht an – in einer Zeit, die großen Wert auf Unterschiede legt.

Im zweiten Weltkrieg taucht er in Norwegen als Widerstandskämpfer unter, was ihm zeitlebens von konservativen Deutschen als Verrat ausgelegt wird.

Kein späterer Kanzler der Bundesrepublik durchlebt eine so traumatische Jugend wie Willy Brandt. Dabei entwickelt er eine Fähigkeit, die selten in der Politik ist: Er kann ausgleichend wirken.

Versöhnung zwischen Ost und West ist das große politische Ziel des ersten SPD-Kanzlers seit 1945. Er erhält für seine erfolgreiche Ostpolitik den Friedensnobelpreis.

Doch seine Aufgaben als Partei- und Fraktionsvorsitzender und Kanzler laugen ihn aus. Das vermittelnde in seinem Wesen hemmt seine Entschlusskraft. Die Konflikte türmen sich berghoch.

Als ihn selbst Parteifreunde immer härter kritisieren, verliert Brandt den inneren Halt: Er ist tagelang für niemanden zu sprechen, verdrängt mit Alkohol und außerehelichen Affären politische und private Probleme.

Als ruchbar wird, dass sein persönlicher Assistent, Günter Gaullaume, DDR-Agent ist, dankt Brandt ab. Doch der Spionage-Skandal ist als Rücktrittsgrund nur vorgeschoben. Tatsächlich steht der Kanzler 1974 vor einem akuten Burnout – und rettet sich mit dem Rücktritt vor dem totalen körperlichen Zusammenbruch.

 

  • Quelle: Welt der Wunder, Heftausgabe 1/12

 

 

 

 


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